Stadt Sulingen

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Geschichte

Aus der Chronik

Sulingen feierte im Jahre 2004 seinen 975sten Geburtstag, weil der Name Sulingen erstmalig in einer Urkunde vom 30. Mai 1029 genannt wird. Diese in Regensburg in lateinischer Sprache ausgestellte Urkunde wurde von Kaiser Konrad II. aus dem Hause der Salier besiegelt. Mit ihr verlieh der Kaiser dem Bischof Sigibert von Minden das Jagdrecht in den Wäldern, Feldern und Sümpfen zwischen den Flüssen Ossenbeke und Allerbeke bis an die mittlere Aue.

Zwei historisch bedeutende Funde belegen, dass diese Gegend schon vor 1029 besiedelt war. Aus der älteren Bronzezeit (2000-800 v. Chr.) stammt ein 1899 in Nechtelsen gefundenes Griffzungenschwert mit einer 66,2 cm langen Klinge. Es befindet sich im Staatlichen Museum in Berlin. Ein Einbaum, der 1952 in der Sule bei Nordsulingen gefunden wurde, stammt nach genaueren Untersuchungen aus der Zeit zwischen 400-300 v. Chr..

Wie aus der Urkunde von 1029 hervorgeht, hatte der Bischof von Minden sehr großen Einfluss auf die Lebensumstände seiner Kirchengemeinde. Da Sulingen bereits um 1000 eine Urpfarrei gewesen sein soll, wurde Sulingen um 1300 Archidiakonatsbezirk. Hauptaufgabe der Archidiakone (ab 1381 Mindener Domprobste) war die Handhabung der kirchlichen Gerichtsbarkeit. Das Archidiakonat bestand bis zum Jahre 1527. Nach der Reformation wurden sie durch die Superintendenturen ersetzt.

Aus dieser Zeit ist noch zu berichten, dass Sulingen in 1347 und 1349 von der Pest heimgesucht wurde. Nur 27 Familien sollen überlebt haben. Und nur wenige Jahre später wurde durch Brandschatzung beim Durchzug herrenloser Kriiegsleute weiteres Unheil angerichtet.

Die 5200 Hofstellen der Grafschaft Hoya, zu der auch das Sulinger Land gehörte, wurden 1519 im sogenannten Pflugscharregister archiviert. Dieses Register bildet noch heute - aufgrund der erstmaligen Nennung der Namen der damaligen Hofbesitzer -die Grundlage unserer Familienforschung.

Das nicht nur für Sulingen bedeutsamste Ereignis im 16. Jahrhundert war das Lebenswerk Martin Luthers. Das Jahr 1527 gilt offiziell als Jahr der Reformation, der Einführung des evangelisch-lutherischen Glaubens. Unter Fürstbischof Hermann von Schaumburg gingen Teile des Bistums Minden, zu dem auch der Diözenanteil des Sulinger Landes gehörte, zur Lehre Martin Luthers über. Als erster Pfarrer für Sulingen wurde 1570 mit 27 Jahren der hier geborene Valerius Dencker berufen. Ab 1588 war dieser dann auch der 1. Superintendent. Die Kirchensprache war damals Latein, die Predigten wurden aber in Plattdeutsch gehalten.

Erwähnenswert aus dieser Zeit ist noch, dass wegen der hohen Steuern 3 Familien auswanderten. Sulingen 1581 das Wappensiegel mit auswärts gerichteter Bärenklaue und lateinischem "S" erhielt und die ersten 4 Sulinger an der Acedemia Julia in Helmstedt ihr Studium begannen.

Anfang des 17. Jahrhunderts konnte die erste Schule in Sulingen gebaut werden. Davor hatten aber schon die Pfarrer in der Kirche Kinder in Lesen, Schreiben, in Luthers Katechismus, in Psalmen und Gebet unterrichtet. Unterstützt wurden die Pfarrer dabei auch von den Küstern.

Im 30-jährigen Krieg (1618-1648) haben die Sulinger unter der schwarzen Pest, Plünderungen, Brandschatzungen und Einquartierungen gelitten.

Das 18. Jahrhundert begann für Sulingen mit zwei Großbränden. Bei dem 1. Brand gingen die Superintendentur, das Kantorhaus, der Ratskeller und das Haus von J. Dencker in Flammen auf. Auch der obere, hölzerne Teil des Kirchturms brannte ab und dabei schmolz die Glocke. Das war 1705. Eine neue Glocke, die 1713 erworben wurde, hat die beiden Weltkriege überdauert und läutet noch heute vom Glockenturm am neuen Friedhof.

Das große Unheil brach über Sulingen dann 1719 herein. Das Feuer, das am 12. September morgens um Aufbauarbeiten Mühle 10.00 Uhr ausbrach, hat fast ganz Sulingen in Schutt und Asche gelegt. Durch starken Wind angetrieben, erfassten die Flammen 82 Wohnhäuser und 44 Nebengebäude. Auch die gerade wieder errichtete Superintendentur brannte ebenso ab wie das Dach der Kirche. Durch diesen Brand wurden 750 Menschen obdachlos. Sie konnten nur wenige Habseligkeiten und einen Teil des Viehs retten. Die Obdachlosen wurden nach Zuweisung in allen Ämtern der Grafschaft Hoya, aber auch in Harpstedt und Wildeshausen untergebracht und konnten erst mit dem fortschreitenden Wiederaufbau Sulingens zurückkehren. Mit Bezug auf die Sulinger Brandkatastrophe verfügte König Georg am 21. September 1719, also nur 9 Tage nach dem Brand, dass alle Pfeifen künftig mit einem Deckel aus Metall zu versehen seien. Wer ohne diesen Deckel Pfeife rauchte, musste 2 Taler Strafe Zahlen. Je 1 Taler sollten der Denunziant und die örtliche Obrigkeit erhalten.

Für den Wiederaufbau galt es, folgende Richtlinien umzusetzen: Es mussten breitere Straßen gebaut, der Abstand der Häuser vergrößert und Schornsteine eingebaut werden. Strohdächer wurden verboten. Mit dem Wiederaufbau wurde der Ingenieur-Leutnant Eden beauftragt. Von ihm wurden Pläne von Sulingen vor und nach dem Brand gezeichnet. Diese ersten Stadtpläne von Sulingen sind in der Sulinger Chronik "Brand" abgebildet. So bitter die Brandkatastrophe damals für die Sulinger Bevölkerung war, so ist nicht zu verkennen, dass Sulingen heute der Planung des Leutnants Eden seinen sehenswerten historischen Stadtkern verdankt. Und Sulingen ist seitdem von Großbränden verschont geblieben.

Wirtschaftlich ging es schrittweise bergauf. Es gab 5 Sensenschmieden, die jährlich zusammen ca. 400 Sensen und etwa 80 Futtermesser herstellten. Tischler, Zimmerleute, Schuhmacher und Schneider schlossen sich zu Gilden zusammen. Die Kornbrennerei Lüning nahm 1779 den Betrieb auf und 1791 erhielt Chr. Friedrich Lüning die Posthalterei-Urkunde für die Route Hannover-Nienburg-Sulingen-Diepholz-Osnabrück. Dafür musste er eine Relaisstation mit mindesten 16 Pferden unterhalten. Nachdem er auch noch das gegenüberliegende Gut erwarb, durfte er seinen Besitz "Rittergut" nennen.

Im  19. Jahrhundert hatten die französische Revolution und der Aufstieg Napoleons auch für die Sulinger recht bald teilweise unangenehme Folgen. Besonders ärgerlich waren in den Jahren 1803 bis 1814 die vielen Einquartierungen. Und für den Russlandfeldzug Napoleons wurden auch junge Sulinger rekrutiert, von denen mindestens 20 umgekommen sind.

Die Belastung aus der Franzosenzeit haben sich über eine lange Zeit ausgewirkt. Viele Sulinger waren im wahrsten Sinne des Wortes bettelarm. Und die Kämmereikasse war leer. So sah sich der Magistrat gezwungen, Fleckenseigentum zu verkaufen: 1851 die Abdeckerei, 1852 den Ratskeller und 1855 die Wache.

Amtsgericht Sulingen Mit der Verwaltungsreform von 1852, durch die Sulingen Amtssitz mit Amtsgericht wurden, begann die erfolgreiche Entwicklung unserer Stadt. Vereine wurden gegründet, die erste Sparkasse eröffnet, die beiden Bürgerparks angelegt. Sulingen erhielt eine Telegrafen Station mit Sprechverkehr, das erste Krankenhaus und das Elektrizitätswerk an der Südstraße wurden gebaut. Außerdem wurde die Volkshochschule am Mühlenhof gebaut und eine gewerbliche Berufsschule gegründet.

Nicht unerwähnt soll aber bleiben, dass durch den eigenmächtigen Entschluss des Bürgermeisters Windels, die Amtsgeschäfte in sein Wohnhaus zu verlegen, jetzt Sulingen kein historisches Rathaus in zentraler Lage besitzt.

Für das in Heimarbeit in Sulingen und im Umland hergestellte Leinen fanden sich Ende des 19. Jahrhunderts keine Abnehmer mehr. Und nachdem die Mähmaschinen aufgekommen waren, verloren auch die Sensenschmieden ihre Kunden. F

Für die wirtschaftliche Entwicklung Sulingens begann das 20. Jahrhundert mit einem bedeutenden Ereignis.

Die Bahnstrecke Rahden-Sulingen wurde am 29. September 1900 eröffnet. Im nächsten Jahr folgte die Strecke Sulingen-Bassum und damit die Anbindung nach Bremen. Wegen der Rauchbelästigung wurden Gleise und Bahnhöfe an den Stadtrand verlegt. Aber die Beliebtheit dieses neuen Transportmittels bewirkte, dass sich die Stadt in Richtung Bahnhof ausdehnte. Die "Lange Straße" lässt dies noch heute erkennen. Dort entstanden in der Folgezeit überwiegend Gebäude, die als Geschäfts- und Wohnhäuser genutzt wurden.

Doch nicht nur die Bahn brachte größere Beweglichkeit in den ländlichen Raum, sondern auch die Dr. Bode als stolzer Autobesitzerfortschreitende Motorisierung. Und so gründeten bereits 1905 die Kreise Diepholz, Sulingen und Hoya eine Ortsgruppe der "Deutschen Motorfahrervereinigung". Autos besaßen zuerst Ärzte, Tierärzte und Viehhändler. Sie mussten ja viele Patienten bzw. Kunden auch im Umland besuchen.

Aus den Jahren 1900 bis 1923 kann von Sulingen insbesondere folgendes berichtet werden:

1904 
erschienen am 01. September als zweite Sulinger Zeitung die "Sulinger Nachrichten", verlegt von Dietrich Plenge. Somit konnte die Druckerei Plenge im Jahr 2004 auch ihr 100-jähriges Jubiläum begehen.

1908 
erhielt die Kirche ein Legat von 15.000,00 Mark für ihren hohen Turm.

1911 
wurden als erste elektrische Straßenbeleuchtung 5 Bogenlampen installiert.Der letzte Sulinger Nachtwächter

1919 
entstand auf den Meierhof, anstelle des 1915 abgebrannten Wohnhauses, das einzige im Jugendstil gebaute Haus in Sulingen.

Nach Fertigstellung der Eisenbahnstrecke Diepholz-Sulingen wurde Sulingen Bahnkreuzungspunkt, denn die Strecke Sulingen-Nienburg war schon im Jahr davor in Betrieb genommen worden.


Aus den Jahren nach der Inflation kann hier nur auf die Ereignisse eingegangen werden, die für die Entwicklung der Stadt oder das Wohl der Bürger wichtig waren:

1925 
Die straßenweise Numerierung der Häuser wurden eingeführt. Am 01.April erfolgte die Umwandlung der gehobenen Abteilung in eine Mittelschule (Staatliche Anerkennung 1928).

1926  
Wegen der fortschreitenden Motorisierung genehmigte der Rat die Anlage von drei Tankstellen.

In diesen Jahr und auch 1927 und 1928 entstanden viele neue Wohn-und Geschäftshäuser in Sulingen. Auch Scheunen und Ställe wurden gebaut.

1927 
Das Kreiskrankenhaus an der Schmelingstraße mit 42 Betten konnte bezogen werden, Chefarzt wurde Dr. Golm.

Das Finanzamt konnte in den Neubau in der Landbundstraße (seit 1934 Hindenburgstraße) einziehen.

Sulingen erhielt sein Wappen und am 10. Dezember 1927 stellte der Magistrat den Antrag auf Verleihung der Stadtrechte.

1928 
Umzug 900-Jahr-Feier Die 900 Jahr-Feier (31.08.-02.09.) fand unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit in Stadt und Land statt. Am 25. Oktober erhielt Sulingen die Genehmigung, zur Städteverfassung überzugehen. Ein neues Ortsstatut musste aufgestellt und eine Polizeiverwaltung eingerichtet werden.

Die Hastra kaufte das Überlandwerk des Kreises. Das alte Elektrizitätswerk in der Südstraße wurde zur Turnhalle umgebaut, da der Strom jetzt vom Überlandwerk geliefert wurde.

1932 
Durch die verordnete Zusammenlegung der Kreise Diepholz und Sulingen verlor Sulingen, durch eine ministerielle Verfügung vom 25. November 1932, den Kreissitz an Diepholz.

1934 
Männer des Reichsarbeitsdienstes bauten 1934 das Freibad. Dieses Bad wurde von den Sulingern gut angenommen. Im Jahr nach der Einweihung wurden Einnahmen in Höhe von 2.348 Reichsmark erzielt.

1942 
Die Schuhfabrik Lloyd kam nach Sulingen.Ein Lloyd vor der Llyod-Fabrik

Ab 1942 kamen die ersten Flüchtlinge aus Bremen und dem Ruhrgebiet nach Sulingen.

1943
Der Flüchtlingsstrom aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien setzte ein. Auch sudetendeutsche kamen nach Sulingen. Die Unterbringung dieser vielen Menschen war ein großes Problem. Noch lange Jahre nach dem Krieg war es schwer, eine Wohnung zu bekommen. Denn die Einwohnerzahl hatte sich, gemessen an der Zahl von 1939, bereits 1946 fast verdoppelt.

1946 
Der Schulunterricht konnte wieder aufgenommen werden. Lebensmittel und Gebrauchsgüter unterlagen weiter der Bewirtschaftung. So haben die Sulinger noch weitere schwere Jahre erlebt.

1948 
Die Wende zum Besseren brachte erst die Währungsreform vom 21. Juni 1948. Denn mit Einführung der DM wurde gleichzeitig die Bewirtschaftung verschiedener Gebrauchs- und Verbrauchsgüter aufgehoben.

In den Folgejahren zeigte das Bestreben der Stadtverwaltung, Industriebetriebe nach Sulingen zu holen, erste Früchte. Fünf Fabriken konnten ihre Produktion kontinuierlich steigern und beschäftigen 1972 zusammen 1600 Mitarbeiter. Der Wirtschaftliche Aufschwung erfasste aber auch Handel, Gewerbe und Dienstleistung.

Einweihung Umgehungsstraße Die Sulinger Stadtverwaltung konnte mit Hilfe steigender Steuereinnahmen viele Vorhaben zur  Verbesserung der Lebensqualität der Bürger verwirklichen.

Text: Gerhard Buetow
Archivar der Stadt Sulingen

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